Lose Blätter

Jerusalem

Für die Europäische Union ist der Stadtteil, in dem ich wohne, eine illegale Siedlung. Giv’at Shapira, nach dem Sechstagekrieg auf dem French Hill im Nordosten Jerusalems erbaut, ist heute eines der ethnisch gemischtesten Viertel in ganz Jerusalem. Nicht nur viele Einwanderer aus der früheren Sowjetunion und aus Ostasien leben hier, auch Studenten aus aller Welt – die Hebräische Universität auf dem Scopusberg ist nicht weit – sowie zahlreiche Araber. In dem Haus, in dem ich mich zur Zeit aufhalte, habe ich überwiegend arabische Nachbarn. (Für jüdische Israelis ist es hingegen nahezu unmöglich, in arabischen Vierteln und Ortschaften Wohnraum zu bekommen.) Der Parkplatz vor dem Haus bietet eine Aussicht auf den Schutzwall, der Jerusalem vom Westjordanland trennt, und auf das Depot, in dem die Straßenbahnen für die neue Linie 1 seit Jahren auf ihren Einsatz warten. Die Bahn wird im jüdischen Pisgat Ze’ev starten, die arabischen Viertel Shuafat und Sheikh Jarra durchqueren, von der Altstadt durch die Jaffa Road zum Zentralen Busbahnhof führen und von dort ihre Fahrt zum Herzlberg in der Nähe der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem fortsetzen. Im April soll es endlich so weit sein.

 

Moschee in Jerusalem

Moschee in Jerusalem

Im Supermarkt und auf dem Postamt in Giv’at Shapira sehe ich viele Frauen mit Kopftuch, und mehrmals am Tag höre ich den Ruf des Muezzins. Die Moschee befindet sich in Shuafat auf der anderen Seite der Schnellstraße, aber die Lautsprecher sind so eingestellt, dass sich der Gebetsruf auch auf dem French Hill nicht ignorieren lässt.

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Da in Israel jede Religionsgemeinschaft ihre Angelegenheiten selber regelt, ist es undenkbar, dass der Staat den Muslimen Vorschriften bezüglich der Höhe von Minaretten macht oder den Gebetsruf verbietet. Was nicht heißt, dass es für eine Moschee in jedem Stadtviertel automatisch eine Baugenehmigung gibt. Eine Großmoschee im Zentrum von Tel Aviv wäre undenkbar. Aber in Fragen, wie ein Gotteshaus aussehen soll und auf welche Weise man die Gläubigen ans Gebet erinnert, mischt sich der Staat nicht ein. Der Journalist Adi Schwartz erzählt mir, wie er bei einem Besuch in Antwerpen das angewiderte Gesicht eines älteren Mannes sah, als der Ruf des Muezzins der nahegelegenen Moschee ertönte.
„Ich wusste gar nicht, dass in Antwerpen der Muezzin-Ruf erlaubt ist“, werfe ich ein.
„Wieso sollte er nicht erlaubt sein?“, fragt Adi.
„In Deutschland ist er es in den meisten Gemeinden zum Beispiel nicht“, sage ich. Das kann Adi kaum fassen: „Das ist doch eine Einschränkung der Religionsfreiheit!“ Und Adi ist gewiss kein linker Multikulturalist. Für das Misstrauen jenes älteren Belgiers hat er sogar Verständnis. Aber manche Grundrechte sind einfach selbstverständlich in Israel. Adi Schwartz schüttelt den Kopf: „Und die Europäer wollen uns über Menschenrechte belehren!“

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Die letzten Jeckes sterben allmählich. Man merkt es daran, dass immer weniger alte Leute die deutschsprachigen Veranstaltungen im Goethe-Institut besuchen. Auch die legendären Kaffeekränzchen im Café Mersand in Tel Aviv oder im Jerusalemer Tycho-Haus gibt es nicht mehr. Zurückgelassen haben sie ihre Bibliotheken, die sie aus Berlin oder Frankfurt mitgebracht haben. Ihre Kinder und Enkel können damit nichts mehr anfangen, und so überschwemmen ihre Bücher die Antiquariate. Doch selbst die können die Fülle inzwischen nicht mehr aufnehmen. Seine Lagerräume seien übervoll, sagt mir der Antiquar in der Schatz Street, so dass er die vielen Goethe- und Schiller-Werkausgaben, die er ständig angeboten bekommt, nicht mehr ankaufen könne. Erst neulich habe er eine vollständige Schiller-Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert, die ihm jemand umsonst überlassen habe, um sie nicht wieder mit nach Hause nehmen zu müssen, weggeworfen. Er habe einfach keinen Platz mehr dafür. Er sagt dies mit Trauer in der Stimme, wie einer, der es auch nicht ändern kann.

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Tel Aviv

Die uniformierte rothaarige Sicherheitsmitarbeiterin fragt mich am Eingang zum Dizengoff-Center: „Are you carrying a gun?“ Ich denke kurz an Mae West, antworte dann aber doch lediglich, dass ich keine trage. Hat man den Security Guards, die vor jedem Busbahnhof, jedem Restaurant und jeder Shoppingmall ihren Dienst tun und Taschen nach verdächtigen Gegenständen durchsuchen, anfangs noch freundlich zugenickt, lässt man dies inzwischen wie die Einheimischen bleiben und betrachtet sie eher als Teil des Inventars denn als Personen.

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Der Strand ist im Sommer das Gravitationszentrum von Tel Aviv. Im Januar liegt das Meer da, als gehöre es gar nicht zur Stadt. Doch der Strand hat auch im Winter seinen Reiz. Man kann in Ruhe spazieren gehen und auf das Wasser hinaus blicken, und es ist genug Platz, den anderen Flaneuren aus dem Weg zu gehen, wenn man das möchte. Die Hotels stellen sogar Liegestühle auf, die aber wenig genutzt werden. Jedoch die Strandcafés sind gut gefüllt. Der Strand mit seinen Liegestühlen – eine solche Einrichtung fehlt in Berlin ganz entschieden: ein Freiluft-Ruheraum zur allgemeinen Nutzung. Ich bin am frühen Abend mit einigen deutschen Freunden verabredet, bis dahin ist noch viel Zeit, und ich werde ein wenig schläfrig. Also lasse ich mich auf einem der Liegestühle nieder und döse vor mich hin, mein Gehirn wird vom Meeresrauschen sanft in den Alphawellenzustand versetzt. Die Digitaluhr am hölzernen Bademeisterhäuschen, die im Wechsel mit der Uhrzeit auch die Temperatur anzeigt – 20 Grad –, habe ich gleichwohl gut im Blick. Ein Hinweisschild teilt mit, dass das Häuschen um diese Jahreszeit nicht besetzt ist, das Baden mithin auf eigene Gefahr geschieht. Vier oder fünf Unerschrockene tummeln sich tatsächlich im Wasser.

Ein Stimmengewirr nähert sich, durch die halbgeöffneten Augen sehe ich drei Männer und zwei Frauen, die letzteren offenbar Touristinnen, denn sie sprechen englisch mit einem Akzent, den ich keinem bestimmten Land zuordnen kann. „Wir müssen jetzt aber wirklich zurück zu unseren Leuten“, sagt die eine. Worauf einer der Strandgigolos die beiden nach ihren Telefonnummern fragt. So billig seien sie nicht zu haben, lautet die Antwort. „Wer redet denn von billig?“, wird noch zaghaft gefragt, aber der Kampf ist schon verloren, das ist jedem von ihnen bewusst. Die Wege trennen sich, die drei Männer murmeln etwas auf Hebräisch und gehen in Richtung Stadt. Ein äthiopischer Hotelangestellter sammelt die blauen Liegestühle ein, ich stehe auf, damit er seine Arbeit machen kann, und schaue im Weitergehen dem motorisierten Schirmsegler zu, der zur Landung ansetzt.

(Ursprünglich erschienen auf CICERO Online)

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