„Das Westjordanland ist verhandelbar“

Der arabisch-israelische Journalist Khaled Abu Toameh lebt in einem jüdischen Viertel von Jerusalem, sagt von sich, er sei pro-palästinensisch und bemängelt die fehlende Selbstkritik der Palästinenser.

Er sei ein israelisch-arabisch-muslimischer Palästinenser, sagt Khaled Abu Toameh. Sein Vater ist arabischer Israeli, seine Mutter Palästinenserin aus Tulkarem. Geboren wurde er 1963 im Westjordanland, heute lebt er in Israel. Natürlich habe er eine Identitätskrise, sagt er und lacht. Aber das gelte für alle israelischen Araber. Was nun folgt, ist allerdings keine Klagelitanei über das schwere Los der Araber in Israel. Abu Toameh wirkt sehr zufrieden mit sich und seinem Leben, als wir uns bei einem Gespräch in der Lobby eines Jerusalemer Hotels gegenübersitzen. Und er kann auch erklären, warum.

Zunächst einmal ist Abu Toameh ein sehr erfolgreicher Journalist. Seit zweiundzwanzig Jahren führt er Reporter aus aller Welt in die Palästinensergebiete, stellt Kontakte her, fungiert als Dolmetscher. Er war Mitarbeiter einer PLO-nahen Zeitung, die in Jerusalem erschien, aber das ist schon lange her. Heute dreht er Reportagen für BBC und NBC, hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Und seit nunmehr zehn Jahren ist er regelmäßiger Autor der Jerusalem Post, er berichtet sowohl aus den Palästinensergebieten als auch über die Lage der israelischen Araber. Ausgerechnet für die Jerusalem Post, die als politisch rechts gilt. Für Toameh gehört die Post allerdings zur politischen Mitte. Sie repräsentiert für ihn die Mehrheit der Israelis, die für eine Zweistaatenlösung sei. Genau wie Khaled Abu Toameh selbst.

Dennoch (oder gerade deswegen) halten ihn viele Palästinenser für einen Verräter. Darüber kann er nur den Kopf schütteln: „Ich bin pro-palästinensischer als irgendjemand anderes. Warum? Ich bin für Reformen und kritisiere die korrupte Palästinenserführung. Das Problem ist, dass Kritik bei den Arabern nicht als konstruktiv betrachtet wird, sondern als Verrat.“ Nach dem „Warum?“ macht Abu Toameh eine kurze rhetorische Pause und schaut mir in die Augen, bevor er fortfährt. Er macht das während des gesamten Gesprächs. In Gestik und Sprechweise ist Toameh ganz israelisch. Wüsste ich es nicht, könnte ich auf Anhieb nicht entscheiden, ob er Jude oder Araber ist.

Diskriminiert? Arabische Bauarbeiter in Jerusalem

Diskriminiert? Arabische Bauarbeiter in Jerusalem

Was ihm manche noch weniger verzeihen können als die vermeintliche Nestbeschmutzung, ist der Umstand, dass Toameh in Israel nicht das Reich des Bösen sieht. „Hier in Israel bin ich frei, ich kann mich frei bewegen und schreiben, was ich will. Außerdem bin ich als palästinensischer Journalist in Jerusalem unter israelischer Herrschaft sicherer als im Westjordanland. In Ramallah wäre ich längst tot.“

Seine Courage hat Abu Toameh jedenfalls oft genug unter Beweis gestellt. Zum Beispiel im Jahr 2009, als er auf der UN-Antirassismuskonferenz in Genf („Durban II“) auf einem ausschließlich von Muslimen besetzten Podium einige unbequeme Wahrheiten aussprach: Etwa, dass es Yassir Arafat war, der durch seine korrupte Regierungsführung und die Veruntreuung internationaler Hilfsgelder dafür gesorgt hat, dass die Lage der Palästinenser sich zunehmend verschlechterte. Oder dass es den israelischen Arabern kaum hilft, wenn sie sich mit der Hamas und der Hisbollah solidarisieren.

Dass es inzwischen Mode geworden ist, Israel als Apartheidsstaat zu bezeichnen, macht Abu Toameh regelrecht wütend. „Im Libanon gibt es fünfzig Berufe, die Palästinenser nicht ausüben dürfen. Das ist Apartheid.“ Er erzählt, dass es für ihn überhaupt kein Problem gewesen sei, ein Haus in einem mehrheitlich jüdischen Viertel von Jerusalem zu kaufen, wo er mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt. Doch er möchte Israel auch nicht von jeder Verantwortung reinwaschen: „Israel ist kein Apartheidsstaat, aber es gibt Diskriminierung der israelischen Araber: auf dem Arbeitsmarkt, beim Ausbau der Infrastruktur, beim Zugang zu öffentlichen Geldern. Die Beziehungen zwischen Juden und Arabern haben sich verschlechtert, der Rassismus hat zugenommen – allerdings auf beiden Seiten. Meine Angst ist, dass eine dritte Intifada ausbricht – diesmal in Nazareth, in Akko, in Galiläa: Weil die israelischen Araber in einer gesellschaftlichen Grauzone leben.“

Für das wachsende Misstrauen, die Angst, den regelrechten Hass hat Abu Toameh eine unkonventionelle Erklärung: Er macht den Oslo-Friedensprozess der neunziger Jahre dafür verantwortlich, der den Palästinensern Teilautonomie einräumte und die PLO-Führung um Yassir Arafat stärkte. „Vor der Autonomie konnten sich Palästinenser in ganz Israel frei bewegen. Ich vermisse diese Zeit. Es war ein einziges offenes Land. Palästinenser aus Gaza konnten nach Tel Aviv an den Strand fahren. Umgekehrt gingen Israelis in Ramallah einkaufen und in Gaza Fisch essen. Der Friedensprozess hat viel zerstört zwischen Israelis und Palästinensern.“ Die Autonomiebehörde, daran erinnert Toameh, hat in Medien und Schulbüchern beständig gegen die Juden gehetzt und damit bereits Kinder radikalisiert. Und die Feindseligkeit der Palästinenser im Westjordanland und in Gaza führe leider dazu, glaubt Toameh, dass die jüdischen Israelis auch den Arabern im eigenen Land mehr und mehr misstrauten.

Dennoch ist Toameh überzeugt, dass die meisten Israelis die Zweistaatenlösung wollen. „Die Frage ist nur, welche Gebiete man den Palästinensern überlässt.“ Die israelische Regierung möchte die drei großen Siedlungsblöcke Maale Adumim, Gush Etzion und Ariel aus Sicherheitsgründen behalten. Außerdem leben dort mittlerweile zehntausende Menschen, die sich nicht so einfach evakuieren lassen. Die kleineren Siedlungen könnten dagegen relativ problemlos aufgelöst werden. Abu Toameh plädiert für eine entschieden pragmatische Herangehensweise: „Wäre ich palästinensischer Unterhändler, würde ich sagen: Okay, einverstanden, gebt mir doppelt so viel Land als Entschädigung für diese Siedlungen. Das Westjordanland ist kein heiliges Land, es ist verhandelbar. Das ist die beste Lösung, und es ist die einzige Lösung. So wird es kommen, glauben Sie mir.“ Das würde ich gerne.

Ebenso pragmatisch ist Abu Toamehs Sicht auf das Problem der palästinensischen Flüchtlinge: „Sie müssen Bürger eines palästinensischen Staates werden. Eine Rückkehr nach Israel wird es nicht geben; es können keine vier Millionen Araber nach Israel kommen. Es wäre schön, wenn sie zurückkehren könnten, es wäre auch schön, wenn Juden in die arabischen Länder zurückkehren könnten, aus denen sie vertrieben wurden. Aber beides wird nicht passieren.“

Gar nicht gut zu sprechen ist Toameh allerdings auf den israelischen Außenminister Avigdor Lieberman, der vorgeschlagen hat, im Austausch gegen ebenjene Siedlungen mehrere arabische Ortschaften in Nordisrael einem künftigen Palästinenserstaat zuzusprechen (um auf elegante Weise nebenbei den arabischen Bevölkerungsanteil zu senken). „Lieberman will zwar niemanden vertreiben. Er will nur Land austauschen und die Grenze verschieben“, betont Toameh. „Aber dennoch: Lieberman hat kein Recht, mich auszutauschen. Ich bin Israeli. Wir israelischen Araber sind loyale Bürger und haben ein Recht, hier zu sein. Wir sind diejenigen, die Israel 1948 akzeptiert haben. Leider ist Israel nicht immer so loyal zu uns wie wir zu Israel.“

Und trotzdem fügt er hinzu: „Lieber bin ich Bürger zweiter Klasse in Israel als Bürger erster Klasse in irgendeinem arabischen Land.“ Solche Worte klingen für viele nach Onkel Tom. Aber eine solche Sicht ist herablassend. Onkel Tom war ein Sklave. Khaled Abu Toameh ist selbstbewusster Bürger eines freien Landes.

(Ursprünglich erschienen auf CICERO Online)

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