Das Jahrhundert in einem Koffer

Sonja Wolf fand in Tel Aviv eine Heimat, nachdem ihre Familie von Hitler und Stalin zerrieben wurde. Ihre Tochter Ester Noter erzählt ihre Geschichte.

Jemand musste Sonja Wolf verleumdet haben. Denn eines Morgens, während des Zweiten Weltkriegs, wurde sie in ihrer Moskauer Wohnung verhaftet und in das Arbeitslager Karaganda in Kasachstan deportiert. Zuvor schon, 1937, war ihr Vater, der deutsche Arzt Lothar Wolf, vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet worden. Von ihm verlor sich jede Spur, Sonja Wolf sah ihn nie wieder. Ihre Mutter, Martha Ruben-Wolf, nahm sich im August 1939 aus Kummer und Angst das Leben. Sonja Wolf lernte im Gulag den jüdischen Ingenieur Israel Friedmann kennen. Die beiden heirateten, und 1943 wurde, noch im Lager, die Tochter Ester geboren.

Heute, 68 Jahre später, öffnet mir Ester Noter die Tür ihrer Wohnung im Zentrum von Tel Aviv. Bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen erzählt sie mir die bewegte Geschichte ihrer Familie. Eine Geschichte, die sich über drei Generationen erstreckt, in Berlin beginnt, sich in Moskau zuspitzt, über Schauplätze in Kasachstan, Litauen, der DDR und Westdeutschland führt und in Israel endet. Glücklich? So glücklich, wie eine wahre Geschichte enden kann.

Ester Noter neben einem Selbstporträt von Sonja Wolf

Ester Noter neben einem Selbstporträt von Sonja Wolf

Deutschland, kurz nach dem Ersten Weltkrieg: Lothar Wolf und Martha Ruben-Wolf, beide überzeugte Kommunisten, eröffnen eine gynäkologische Praxis in Niederschöneweide bei Berlin. 1923 wird die Tochter Sonja geboren, zwei Jahre später der Sohn Walter. Dass die Wolfs Juden sind, spielt für sie selbst keine Rolle, für die Nazis schon, und so wandert die Familie bereits im April 1933 zuerst in die Schweiz aus, nach Lugano, und kurz darauf nach Paris. Verwandte in England bieten ihnen an, ihnen Jobs und Unterkunft zu besorgen. Martha plädiert dafür, die Einladung anzunehmen, doch Lothar weist das Ansinnen zurück: Man müsse natürlich in das Vaterland der Werktätigen emigrieren, alles andere wäre Verrat. Und so reisen sie Richtung Osten, dem eigenen Untergang entgegen. Sie werden der Paranoia Stalins zum Opfer fallen, die sich gegen alle Emigranten aus Deutschland richtet und gegen Juden ganz besonders. Die Autorin Anja Schindler und der Historiker Reinhard Müller haben das Schicksal des Ehepaars Wolf in umfangreichen Aufsätzen eindrücklich beschrieben.

Doch die Geschichte geht weiter, und sie hat noch viele unentdeckte Facetten. Ester Noter besitzt ein umfangreiches Typoskript, das ihre Mutter, Sonja Wolf, nach ihrer Flucht nach Israel in deutscher Sprache verfasst hat – die Geschichte ihres Lebens, ein Roman des zwanzigsten Jahrhunderts. Sonja Wolf erzählt darin, wie sie mit ihren Eltern im Jahr 1936 in die Moskauer Wohngenossenschaft „Weltoktober“ einzog. Fast alle deutschen Emigranten jener Zeit haben Gastauftritte: etwa Lotte Loebinger, die Ehefrau Herbert Wehners, und der Schauspieler Gustav von Wangenheim.

Sonja Wolf schreibt auch über ihre Deportation nach Kasachstan, und wie sie dort ihren späteren Ehemann kennenlernte. Als Tochter Ester geboren wird, darf der Vater mit ihr in seine litauische Heimat ausreisen; als Sonja Wolf 1948 endlich freigelassen wird, ist Ester fünf Jahre alt. Ihren Bruder Walter sieht Sonja Wolf ebenfalls nie wieder; er ist wahrscheinlich im Krieg gegen Nazideutschland gefallen.

***

Voller Verbitterung über das Sowjetregime, das ihre Eltern umbrachte und sie selber jahrelang ihrer Freiheit beraubte, beantragt Sonja Wolf wieder und wieder die Ausreise nach Deutschland. Hinzu kommt der alltägliche Antisemitismus in der litauischen Hauptstadt Vilnius, den auch Ester zu spüren bekommt. „Zwar war in meiner Schulklasse ein Viertel der Schüler jüdisch“, erinnert sich Ester Noter. „Aber dennoch wurden wir als ,dreckige Juden‘ beschimpft. Ich habe mir aber nichts gefallen lassen – ich war ein regelrechter Tomboy – und geriet ständig in Streits und Raufereien. Die habe ich aber alle gewonnen.“

Dennoch ist es eine Erleichterung, als die Familie 1958 endlich in die DDR ausreisen darf. Die Eltern müssen ein Formular unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, keinesfalls einen Fluchtversuch Richtung Westen zu unternehmen, andernfalls man sie erneut verhaften und Ester in ein Heim stecken werde. Dennoch plant die Familie von Anfang an die Flucht. Ester erinnert sich, wie sie in dem Internat, in dem die DDR-Behörden sie untergebracht hatten, unter der ständigen Angst litt, im Schlaf zu sprechen und dadurch die Fluchtpläne zu verraten. Nach vier Monaten Ost-Berlin wagt man es – mit der S-Bahn, die damals noch zwischen den beiden Hälften der geteilten Stadt verkehrte. „Das war ein unglaubliches Risiko“, erzählt Ester Noter, „denn in den S-Bahnen wurden stichprobenartig die Ausweise kontrolliert. Wir schafften es aber zum Glück ungehindert nach West-Berlin.“

Dort verkauft Sonja Wolf ihren aus Vilnius mitgebrachten Pelzmantel für 2.000 DM an eine deutsche Filmschauspielerin, an deren Namen sich Ester Noter nicht mehr erinnern kann, nur daran, dass sie seinerzeit als „Sexbombe“ galt. Und man wendet sich an den israelischen Gesandten, der bei der Beschaffung der Einreisevisa behilflich ist. Sonja Wolf wollte immer nach Israel, nirgendwo anders hin, an einen Ort, an dem es keinen Antisemitismus gibt. Der Gesandte schickt die Familienmitglieder zu einem Arzt namens Rosenthal, um ihren Gesundheitszustand überprüfen zu lassen. Und es stellt sich heraus, dass dieser Dr. Rosenthal zufällig ein alter Freund der Familie Wolf ist, der zudem die Adressen emigrierter Verwandter in Israel kennt. Nach anderthalb Monaten in West-Berlin ist es endlich so weit: Die Familie Wolf reist mit dem Zug über Frankfurt nach Marseille und von dort mit dem Auswandererschiff „Theodor Herzl“ übers Mittelmeer nach Haifa – mit einem einzigen Koffer. Auf dem schwarzweißen Foto, das Ester Noter mir zeigt, sind eine überglücklich lächelnde Sonja Wolf und eine etwas skeptisch dreinblickende fünfzehnjährige Ester an Deck der „Theodor Herzl“ zu sehen. Ester lebt die ersten Monate bei Verwandten im Kibbuz Jagur, um Hebräisch zu lernen. Dann zieht sie wieder zu ihren Eltern, die sich in Tel Aviv eine Wohnung genommen haben.

***

In Tel Aviv macht sich Sonja Wolf an das Schreiben ihrer Lebenserinnerungen. Das Manuskript schickt sie an den S.-Fischer-Verlag in Frankfurt am Main, der es jedoch mit der Begründung ablehnt, es würde kein kommerzieller Erfolg werden. Völlig entmutigt gibt Wolf, die zuvor bereits einige Kurzgeschichten verfasst hatte, das Schreiben ganz auf. Sie eröffnet in der Nähe der Dizengoff Street eine Praxis für medizinische Fußpflege – einer ihrer Stammpatienten ist Schimon Peres, der damals Verteidigungsminister ist. Tochter Ester studiert derweil in den USA englische und russische Literatur, kehrt nach Israel zurück und lernt Yoram Noter kennen, mit dem sie bis heute verheiratet ist. Yoram wirkt wie Esters ruhender Pol; er ist in Israel geboren, die Verwerfungen und Brüche der Emigration haben ihn nicht geprägt, in dem Haus nahe der Frishman Street, in dem sich die Wohnung der Noters befindet, wurde er geboren. Seine Großeltern haben dort schon gewohnt.

Ester Noter, Sonja Wolf

Ester Noter, Sonja Wolf

Nach dem Tod ihres Mannes Israel Friedmann Anfang der siebziger Jahre zieht Sonja Wolf in das gleiche Haus, in dem auch Ester und Yoram leben. Sie fängt an zu malen; der bekannte israelische Künstler Moshe Rosenthalis ist von ihrem Talent so überzeugt, dass er ihr kostenlosen Unterricht erteilt. Zahlreiche ihrer Bilder hängen in der Wohnung von Ester und Yoram Noter, darunter einige Selbstporträts, auf denen sich Sonja Wolf stets als Clown darstellt. „Sie war immer fröhlich und optimistisch, deswegen haben wir es nie so richtig ernstgenommen, wenn sie sagte, dass sie eines Tages Selbstmord begehen werde“, erzählt Ester Noter. Und dann, eines Tages im Jahr 1986, macht Sonja Wolf ihre Ankündigung war. Sie hinterlässt ein Schreiben auf Deutsch für ihre Tochter und eines auf Russisch für die Polizei – Hebräisch zu schreiben fiel ihr bis zuletzt schwer. Und doch erklären die Briefe nicht alles. „Es war vielleicht wie bei Primo Levi“, vermutet Ester Noter. „Je älter sie wurde, umso mehr quälte sie die Erinnerung an die Lagerhaft.“ Wie schon ihre Mutter Martha Ruben-Wolf vergiftet sich Sonja Wolf daheim in ihrem Schlafzimmer mit Tabletten.

Vor drei Jahren ist Ester Noter nach Berlin gefahren und hat in Schöneweide das Haus ihrer Großeltern gesucht, das tatsächlich noch steht. Ebenso das Gebäude, in dem sich die gynäkologische Praxis befand. Die Erinnerungen ihrer Mutter hat sie ins Hebräische übersetzen lassen, damit auch ihre Kinder sie lesen können. Veröffentlicht sind sie noch immer nicht. Aber womöglich findet sich ja in diesem Jahr ein Verlag – genau fünfzig Jahre, nachdem sie geschrieben wurden.

(Ursprünglich erschienen auf CICERO Online)

Advertisements

Du musst eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

%d Bloggern gefällt das: