Flirten mit dem Hummuskönig

Der Schriftsteller Ilan Heitner wurde in Israel zum Star – mit einem gnadenlos ehrlichen Liebesroman.

Der Bus von Jerusalem nach Tel Aviv ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Grund sind die vielen Teenies, die vom Casting für „Israel sucht den Superstar“ kommen. Ein einziger Platz neben einem religiösen Juden, der in seinem Gebetbuch liest, ist noch frei. Ich fahre nach Tel Aviv, um den Schriftsteller und Regisseur Ilan Heitner zu treffen. Der hat mit seinem Roman „Melech haHummus u Malkat haAmbatja“ (wörtlich: Der Hummuskönig und die Badewannenkönigin) vor sechs Jahren einen Überraschungserfolg in Israel gelandet. Zur Vorbereitung blättere ich im Bus noch einmal in der sehr verdienstvollen deutschen Übersetzung aus dem Kein&Aber-Verlag, die den Titel „Liebe und anderer Schlamassel“ trägt. (Ohne unmotiviertes Gejiddel verkauft sich israelische Literatur offenbar schlechter.) Und so lese ich Sätze wie „Besonders attraktiv war sie nicht, aber ich konnte den Blick nicht von ihren Möpsen losreißen. Sie quollen aus dem Büstenhalter und schienen mir zuzurufen: Nimm uns, leck uns, knet uns richtig durch“, während mein Sitznachbar leise und melodisch seine Gebete vor sich hinsingt.

Ilan Heitner hat eine Geschichte über Liebe, Sex und Frauen geschrieben – aus radikal männlicher Perspektive, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie handelt von dem Israeli Amir, der beim Filmstudium in New York ein Mädchen namens Philly kennenlernt, ebenfalls Israelin, und sich mit ihr in eine intensive Liebesbeziehung stürzt, die nach einem missglückten Dreier am Strand von Costa Rica schmerzlich endet. Heitner, beziehungsweise sein Ich-Erzähler Amir, erzählt von seinem inneren Kampf zwischen monogamer Liebe und den unzähligen Verlockungen in der Welt. Zu unserem Treffpunkt im Café Mersand kommt Heitner mit dem Motorrad – auch Amir im „Hummuskönig“ fährt Motorrad, ebenso Golan, die Hauptfigur in Heitners erstem Spielfilm „Hochmat haBeygale“ (internationaler Verleihtitel: „Wisdom of the Pretzel“) von 2002. Wie viel von Ilan Heitner steckt in seinen Figuren, wie autobiographisch sind seine Geschichten?

Ilan Heitner im Café Mersand

Ilan Heitner im Café Mersand

„Ziemlich eins zu eins“, sagt er unumwunden. „Sowohl das Buch als auch der Film. Es gibt ein paar Übertreibungen, aber im großen und ganzen ist es mein Leben. Ich kann über gar nichts anderes schreiben.“ Auch sein neuer Roman „Der Vollidiot“, der demnächst in Israel erscheint, wird wieder von seinen eigenen Erlebnissen handeln. Heitner fragt mich, wie sein Roman in Deutschland aufgenommen wurde. Ich sage, einige Rezensentinnen hätten das Buch sexistisch gefunden. Das wundert ihn. „In Israel lieben Frauen mein Buch noch mehr als Männer“, sagt er. „Sie lesen gerne etwas aus der Männerperspektive, denn ihnen ist klar, dass Männer anders ticken als sie selbst. Sie wollen wissen, wie Männer denken.“ Und Männer wiederum freuen sich, dass jemand auf den Punkt bringt, was in ihnen vorgeht. „Das Kompliment, das ich am häufigsten höre, ist: Woher weißt du, was ich denke? Du hast ein Buch über mich geschrieben! Das höre ich sowohl von Männern als von Frauen.“ Heitners Romane haben sich in Israel über 200.000 Mal verkauft. Auf die Bevölkerung Deutschlands umgerechnet, entspräche das einer Gesamtauflage von fast zweieinhalb Millionen. Offenbar hat Heitner einen Nerv getroffen.

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Da er nicht in Talkshows auftritt, kennt keiner sein Gesicht, aber jeder seinen Namen. Heitner spricht eine etwa Zwanzigjährige mit rötlichen Haaren und Nasenpiercing an, die am Nebentisch sitzt, stellt sich vor und fragt sie, ob sie in seinem nächsten Film mitspielen wolle. Ohne zu zögern gibt sie ihm ihre Telefonnummer. Er drehe fast nur mit Laiendarstellern, die er auf der Straße oder in Cafés anspreche, wenn sie ihn aus irgendeinem Grund beeindrucken. „Diese Frau hat doch eine unglaubliche Ausstrahlung“, sagt er. Ich bin nicht sicher, ob es ihm wirklich nur um seinen nächsten Film geht. „Nein, ich hatte zwanzig Jahre lang Party, das ist genug“, betont er. Vor drei Jahren hat Heitner geheiratet, für israelische Verhältnisse relativ spät, mit 37, und hat inzwischen zwei kleine Söhne. „Ich vermisse mein altes Leben nicht. Es war leer und bedeutungslos. Immer noch ein Drink, noch ein Joint, noch eine Frau – damit füllt man die Leere nicht aus, es macht sie nur immer größer.“ Aus dem Munde dieses Autors klingt das für meinen Geschmack fast schon zu abgeklärt. Haben denn das Schreiben und das Filmemachen die innere Leere nicht ausgefüllt? „Schon, aber auch das fällt mir leichter, seit ich Familie habe“, sagt er. „Es ist doch nur ein Klischee, dass ein Künstler nur nachts schreiben kann und depressiv ist und trinken, rauchen, ficken muss. Die besten Stunden zum Arbeiten sind morgens früh. Das ist der beste Tip für Schriftsteller: Je mehr Grenzen man sich setzt, umso weniger Zeit hat man zum Schreiben, und umso besser nutzt man diese Zeit. Der Philosoph Yeshajahu Leibowitz hat gesagt: Wenn du die Freiheit suchst, wirst du sie niemals finden. Aber wenn du Verpflichtungen eingehst, wirst du – vielleicht – Freiheit finden.“

Ein bisschen schade ist es aber doch, finde ich, um Heitners Alter Ego Amir/Golan, das die Frauen liebt und sich mit den Zwängen des bürgerlichen Lebens nicht abfinden will. Der Film „Wisdom of the Pretzel“ handelt davon, wie Golan, der frisch von der Uni kommt, permanent bei der Jobsuche scheitert, weil er den Schwachsinn, den er in Vorstellungsgesprächen und Assessmentcentern zu hören bekommt, einfach nicht hinnehmen kann. In einer hinreißenden Szene werden Golan und seine Mitbewerber um einen nicht näher bezeichneten Bürojob in zwei Gruppen aufgeteilt und von den Personalern aufgefordert, aus Legosteinen ein Haus zu bauen und anschließend zu erklären, warum sie das Haus so und nicht anders gebaut haben. Da springt Golan von seinem Sitz auf und ruft: „Das ist euer Job? Leuten beim Lego-Spielen zuschauen? Und ihr entscheidet darüber, wer eingestellt wird und wer nicht?!“ Worauf er mit lauten Türenknallen den Raum verlässt.

Ilan Heitner

Ilan Heitner

Dieser Film ist übrigens nie in deutschen Kinos oder im deutschen Fernsehen gelaufen. Ich unterhalte mich mit Ilan Heitner über den eigenartigen Umstand, dass zwar zahlreiche israelische Filme mit europäischen Fördergeldern gedreht und dann auf internationalen Festivals mit Preisen überhäuft und auf Arte im Nachtprogramm gezeigt werden – dass es sich dabei immer um eine bestimmte Art von Filmen handelt. „Es muss immer mit dem Libanonkrieg oder mit den Palästinensern zu tun haben“, sagt Heitner sarkastisch. Eine unpolitische Komödie, ein Slackerfilm, der zufällig in Tel Aviv spielt, hat auf der Berlinale keine Chance. „Es ist natürlich schön, wenn israelische Filme weltweit so erfolgreich sind“, meint Heitner. „Aber sie zeigen nur eine Seite von Israel. Es wäre schön, wenn die Leute sehen würden, dass es hier auch normale Menschen mit normalen Alltagsproblemen gibt.“ Heitner selber verortet sich politisch eher links. Aber die Begriffe links und rechts hätten heute nicht mehr viel zu bedeuten, sagt er. „Die extreme Linke und die extreme Rechte sind winzige Minderheiten, die meisten Menschen sind in der Mitte. Sie wollen Frieden, sie wollen Ruhe.“

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Es ist in Israel sehr unkompliziert, jemanden für ein Interview zu gewinnen. „Kein Problem, lass uns einen Kaffee trinken gehen“, heißt es dann meist. Im Gegenzug bekommt man dann aber kein Interview, bei dem man lediglich die Fragen stellt, sondern man unterhält sich auf Augenhöhe. Das heißt, dass der andere auch etwas über einen erfahren möchte. So erzählt mir Ilan Heitner von seiner Familie; er selbst ist in Israel geboren, seine Großeltern kamen aus Polen und Rumänien, haben den Holocaust knapp überlebt, sein Vater war acht Jahre alt, als er 1948 nach Israel kam. „Der Holocaust war immer ein Thema, auch wenn wir nicht darüber geredet haben. Denn wir wurden auf der Grundlage von Angst erzogen. Die Kinder der Überlebenden, die zweite Generation, wir wurden erzogen in dem Bewusstsein, dass jederzeit alles passieren kann. Also muss man Geld sparen, man muss seinen Teller immer leer essen, denn man könnte irgendwohin verschleppt werden, wo es nichts zu essen gibt.“ Und dann will er wissen: „Aber wie ist das in Deutschland, habt ihr in eurer Familie über den Holocaust geredet?“ Er fragt mich, warum ich mich für Israel interessiere, wie ich mit meiner israelischen Freundin über diese brenzligen Themen spreche und noch andere sehr persönliche Dinge – und ich erzähle wesentlich mehr, als ich Fremden sonst erzähle.

Eine andere junge Frau, diesmal brünett, hat unser Gespräch mit angehört und bittet Ilan Heitner nun um eine Zigarette. Er reicht ihr seine Camel-Schachtel, sie entnimmt ihr zwei Zigaretten, raucht beide an und reicht eine davon mit einem Lächeln an Heitner zurück. Er lächelt ebenfalls. Dem Duft der Frauen ist er noch nicht ganz abhold. Das beruhigt.

(Ursprünglich erschienen auf CICERO Online)


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