Was in Deutschland der autofreie Sonntag, ist in Israel Jom Kippur, der Versöhnungstag, nur daß er jedes Jahr stattfindet. Am Vorabend ab Einbruch der Dunkelheit ruht in ganz Jerusalem der Autoverkehr, alle Geschäfte, Kneipen und Restaurants schließen. Da die Autos in der Garage bleiben, ist dies hier wohl der sicherste Tag im Jahr. Ich will Christopher besuchen, der in der Ibn-Schaprut-Straße in der Nähe der Knesset wohnt, und beschließe, als ich mich auf der Höhe der Altstadt befinde, daß ich noch ein Falafel vertragen könnte. An Jom Kippur wird schließlich gefastet. Ich gehe durchs Jaffator, und nun geschieht etwas, das eigentlich nur den dümmsten Touristen widerfährt. Ein Araber spricht mich an und fragt, was ich suche. Einen Falafelladen, antworte ich. Oh, er betreibe einen gleich um die Ecke, ich solle doch mitkommen. Zwar läuten meine Alarmglocken – Warum steht er hier herum und nicht in seinem Laden? -, doch meine journalistische Neugier obsiegt und ich folge dem netten Herrn, Khaled geheißen. An seinem Laden angekommen, stellt sich heraus, daß es sich keineswegs um eine Falafelbude, sondern um einen Souvenirladen handelt: „Tower of David Souvenirs“. Ich will mich zum Gehen wenden, doch er hält mich zurück: „I give you a free Falafel, it’s my hospitality.“ Und die soll man nicht ablehnen, das wäre sonst sicher eine Ehrverletzung oder so etwas. Khaled ruft einen Bruder oder Cousin auf dem Handy an und bestellt eine Portion Falafel. Derweil solle ich, ermuntert er mich, mich in seinem Laden in Ruhe umsehen. Kaufe ich eben eine Kleinigkeit, esse mein Falafel und verschwinde wieder, denke ich. Doch nun will er mir einen Teppich andrehen – „Garantiert handgeknüpft, nur 1.200 Dollar. Ich liefere ihn ohne Aufpreis direkt bis vor die Haustür.“ -, und er hält mir ein Formular unter die Nase, in das ich meine Adresse in Deutschland eintragen soll. Ich gebe ihm zu verstehen, daß ich weder gewillt bin, 1.200 Dollar, noch sonst einen Betrag für seinen angeblich handgeknüpften Teppich – wahrscheinlich Chinaware – auszugeben. Da wird der Falafel gebracht. Während ich esse, fragt mich Khaled, was ich denn stattdessen auszugeben bereit wäre. Gar nichts, ach, wie wäre es dann mit einem kleineren Teppich – nur 500 Dollar? Er breitet ihn vor mir aus – „Sehen Sie, was für eine feine Arbeit! 500 sind zuviel? Was sind Sie bereit zu zahlen?“ Um seine hospitality nicht auszunutzen, will ich eine kleine rote Kippa kaufen und frage, was Sie kostet. „Oh, I will make you a good price together with the carpet.“ Den ich aber, wie bereits verdeutlicht, nicht haben möchte. „Okay“, sagt Khaled, „before I give up, let me show this. What about some nice jewelry for your mother?“, und so geht es weiter. To cut a long story short, ich verlasse den Laden schließlich mit besagter Kippa, zwei winzig kleinen Schmuckdöschen und einem Bettvorleger und zahle einen Preis, den hier anzugeben ich mich zu sehr schäme. Wie viele Falafel ich mir davon hätte leisten können! Jetzt weiß ich wenigstens aus eigener Erfahrung, wie so etwas funktioniert, tröste ich mich. Der Bettvorleger ist allerdings tatsächlich ein Gewinn. Ich finde, er macht mein Zimmer erst richtig gemütlich. Doch wirklich!
Mit Christopher und Antje begebe ich mich dann später auf einen Abendspaziergang durch das verkehrsberuhigte Jerusalem. Wir spazieren durch die Stadt und genießen die Atmosphäre. Familien, die in die Synagoge gehen, Leute, die gemeinsam singen, Jungs, die Fußballspielen, Radfahrer, die die freien Straßen ausnutzen. Solche Feiertagsrituale haben schon etwas schönes. Und es hat wirklich nichts, nichts, nichts geöffnet. Bei Christopher und seiner drusischen Mitbewohnerin – von ihm zärtlich „Drusi“ genannt – werden wir anschließend noch ausgiebig spachteln und Arack trinken. Christopher hat gerade für ein deutsches Tattoo-Magazin ein Stück über die Jerusalemer Tattoo-Szene geschrieben und fotografiert. Der Chef-Tätowierer des Tattoo-Studios „Bizzart“ in der Hillel Street ist ein russischer Jude mit Skinhead-Frisur, der sich den Schriftzug „Jedem das Seine“ auf dem Bauch hat tätowieren lassen. Very scary.
Nach umfangreichem Brunch am nächsten Mit- bis Nachmittag gehe ich zu Fuß zurück zum Scopusberg und will die Abkürzung durch Ostjerusalem nehmen. Hier wird es sehr früh und schnell dunkel, die Auskünfte der arabischen Passanten, in welche Richtung ich mich zu wenden habe, sind widersprüchlich, und als ich ein Touristenehepaar aus Finnland treffe, das sich ebenfalls verirrt hat, beschließe ich, es bis zurück zur Altstadt zu begleiten und von dort aus ein Taxi zu nehmen. Die fahren ja jetzt wieder. Zuhause sehe ich auf dem Stadtplan, daß ich gerade einmal zehn Minuten vom Scopusberg entfernt war, als ich mich entschloß, umzukehren. Sei’s drum. Hier vor meinem Wohnheim bauen sie schon die Laubhütte auf. Ich glaube, hier kann ich es eine Weile aushalten.
Zum Abschluß für heute ein Wirtinnenvers, der von Gad Granach über Hannes Stein auf mich kam:
Frau Wirtin hatt’ auch ‘nen Rabbiner.
Der war ein schlechter Gottesdiener.
Er vögelt’ zwischen Rosch Haschune und Jom Kipper.
Zu Sukkot hatt’ er dann den Tripper.
[...] … Fastenbrecher. Veröffentlicht [...]