Am Jaffator erwartet mich Hannes Stein. Er ist über die Hohen Feiertage aus New York herübergekommen und gibt mir nun eine private Altstadtführung. Durch die engen Gassen des Basars im arabischen Viertel führt er mich zu seinem Lieblingsfalafelmann. Die Händler bieten wirklich alles feil, wenn die Touristen nur Geld dafür bezahlen, die sind da total unideologisch. Christlichen Kitsch, jüdischen Kitsch (einen Schofar aus Kunststoff gibt es nach Rosch Haschana zum halben Preis) und übelste T-Shirts, die die PLO, Arafat oder Che Guevara verherrlichen, neben solchen von Makkabi Tel Aviv oder mit der Aufschrift „UZI does it“.
Hannes hat nicht zuviel versprochen – Falafel, Salat und Hummus sind köstlich. Ebenso der frisch gepreßte Orangensaft. Alles schmeckt nach etwas. Wer gewohnt ist, im Supermarkt einzukaufen, kann schon in Versuchung geraten, in Peter Handke’sche Bukolik zu verfallen. Ist aber auch egal, es schmeckt schließlich. Hannes und ich unterhalten uns darüber, wie sehr gewisse deutsche Debatten an Gewicht verlieren, wenn man sich hier befindet, und wie befreiend sich das anfühlt.
Hannes zeigt mir die Grabeskirche, die, wie er sagt, „häßlichste Kirche der Welt“. Über dem vermeintlichen Grab Jesu wurde eine Kapelle errichtet, die zum Anlaß der Kreuzzüge wurde. Die Kreuzfahrer wollten nämlich den Moslems die Kapelle wieder abnehmen, taten das auch und errichteten ein weiteres Kirchengebäude darüber. Im Laufe der Zeit wurde immer wieder ein weiterer Altarraum dazugebaut, so daß die Grabeskirche vollkommen unproportioniert und zusammengestoppelt wirkt.
Anschließend aber, an der Via Dolorosa, zeigt mir Hannes etwas wirklich bezauberndes. Wir betreten das Österreichische Hospiz, begeben uns in den ersten Stock – und stehen plötzlich in einem echten Wiener Kaffeehaus, in dem es Sachertorte und Apfelstrudel gibt. 1857 als Herberge für christliche Pilger aus Europa gegründet, bietet das Hospiz bis heute ein Stück untergegangenes Abendland mitten im Nahen Osten. (Wie passend, denke ich, daß mir Caroline Fetscher zum Abschied aus Berlin eine CD mit einer Lesung Friedrich Torbergs aus seiner Tante Jolesch geschenkt hat. ) An der Wand hängt ein Bild von Kaiser Franz Joseph, aus den Lautsprechern ertönt Walzermusik. Wir setzen uns mit unserem Kuchen – Apfelstrudel Hannes, Sachertorte ich – draußen auf die Terrasse und hören den Muezzin statt Wiener Walzer. „So wird es in Wien auch bald klingen“, sage ich, und wir beide lachen. So ganz ernst nehmen wir die europäischen Islamisierungsängste hier nicht.
Derart gestärkt besteigen wir das Dach des Hospizes. „Hier hinauf solltest du deine Freundin bringen“, sagt Hannes, „und sie ihre Augen schließen lassen. Erst auf dem Dach darf sie sie wieder öffnen.“ Und dann sehe ich, was er meint. Der Anblick, der sich bietet, ist wirklich atemberaubend. Hier stehen wir mitten in der Altstadt Jerusalems und schauen ringsum auf die alten Steine, als stünde man am Grunde eines Tals und bewunderte die Felswände ringsum.
Wenn man sich nicht gerade in engen schattigen Gassen befindet, knallt die Sonne ziemlich unerbittlich auf das Haupt. Also kaufe ich mir die erste Baseballcap meines Lebens, sandfarben, mit der Aufschrift „Jerusalem“, für fünfzehn Schekel. Sie stünde mir, meint Hannes. Nun gut. Danach führt Hannes mich zur Klagemauer und dem sich anschließenden jüdischen Viertel, dem langweiligsten Viertel der Altstadt. 1967 völlig neu gebaut, atmet es weder Geschichte, noch spielt sich in ihm die Geschäftigkeit ab, die das christliche, das arabische und das armenische Viertel auszeichnet. Doch das hat leider seinen Grund: Nach 1948, als die Altstadt in ihre Hände fiel, haben die Jordanier das jüdische Viertel dem Erdboden gleichgemacht. Sie haben sogar jüdische Grabsteine in Toiletten eingebaut, um symbolisch auf die Juden pissen zu können. So ist die festungsartige Anmutung des neuen jüdischen Viertels zu erklären.
Doch meine Aufnahmefähigkeit für Erhabenes ist heute ohnehin fast erschöpft. So lassen wir den Tag in Bars und Cafés ausklingen. Zunächst im Tmol Shilshom, das gleichzeitig eine Buchhandlung ist, in der man zum Beispiel auch zeitgenössische israelische Literatur in englischen Übersetzungen bekommt. Hannes empfiehlt mir, auf jeden Fall Four Meals von Meir Shalev zu kaufen. Anschließend geht’s ins Barood, Hannes’ alte Stammkneipe aus den neunziger Jahren, als er in Jerusalem sein Moses-Buch schrieb.
Nun stößt noch Antje zu uns. Nach Feierabend hat sie sich auf den Weg von Tel Aviv hierher gemacht. Sie macht nämlich gerade ein Praktikum bei den Israel-Nachrichten. Die gibt’s tatsächlich noch. Nachdem Alice Schwarz-Gardos, die langjährige Chefredakteurin der 1936 als Blumenthals Neueste Nachrichten gegründeten deutschsprachigen Tageszeitung, im August 2007 im Alter von 91 Jahren starb – und ihr Versprechen, den letzten Abonnenten zu überleben, somit nicht wahrmachen konnte -, wird das Blatt von zwei Angestellten weitergeführt und immer noch von etwa 200 Jeckes regelmäßig gelesen.
Den Abschluß des Tages bildet ein Besuch auf der Caféterrasse der Cinematheque, die einen Ausblick auf das Tal Hinnom (Ge Hinnom) bietet, in dem jene Israeliten, die dem einen Gott nicht die Treue hielten, sondern dem Baalskult frönten, zur Zeit der Könige Kinderopfer darbrachten. So heißt es bei Jeremiah 7, 30-31: „Denn die Kinder Juda tun übel vor meinen Augen, spricht der HERR. Sie setzen ihre Greuel in das Haus, das nach meinem Namen genannt ist, daß sie es verunreinigen, und bauen die Altäre des Thopheth im Tal Ben-Hinnom, daß sie ihre Söhne und Töchter verbrennen, was ich nie geboten noch in den Sinn genommen habe.“ Der Kult des Menschenopfers stieß die Propheten derart ab, daß Gehinnom zur Bezeichnung für die Hölle wurde. Gar nicht höllisch schmeckt der Arak, den die dunkelhaarige Kellnerin bringt, die uns alle drei mit ihrer schüchternen Freundlichkeit um den Finger wickelt. Ein guter Einstieg in das nächste halbe Jahr in Jerusalem.




[...] Hannes Stein … … zwischen Himmel und Hölle. Veröffentlicht [...]
Haha! Dass die Grabeskirche die widerlichste Kirche der Welt ist, erzähle ich auch immer jedem. Furchtbar.